Überreichung einer Bittschrift an den Kaiser Wilhelm

 


 

Eine Begebenheit im Frühjahr 1896 in Berlin hielt Ernst Hosang in einer Skizze fest. Der Vorgang war der Illustrirten Zeitung (Nr.2753, 4.April 1896) dann sogar einen bebilderten Artikel wert. Hosangs Skizze wurde von Otto Gerlach dazu ausgearbeitet, ganzseitig abgedruckt und mit einem rührenden Text versehen.

 

 
Parade auf dem Tempelhofer Feld – der Tag gilt zahllosen Berlinern ebenso viel wie ein hoher Feiertag; da verlassen sie haus und Herd, Bureau und Werkstatt und wandern hinaus nach dem endlos weiten Feld, das von den Truppenscharen übersäet ist, soweit der Blick reicht. Wem die Zeit aber hierzu fehlt, der macht während der Mittagstunden eine längere Pause, um wenigstens den Rückmarsch der Truppen mitanzusehen und, wenn irgend möglich, mit den Nachbarn über die Haltung der einzelnen Regimenter zu kritisieren, hauptsächlich aber um dem Kaiser entgegenzujubeln, der gewohntermaßen die Fahnencompagnie zum Schlosse führt.

Wie sich die Menschenmassen entlang des fast eine Meile weiten Weges stauen, Tausende und Abertausende, allen Klassen, allen Ständen angehörig, eine unübersehbare lebende Mauer, in vier, fünf, sechs Gliedern festgefügt! Und Sie wanken und weichen nicht, obwohl die Zeit verrinnt und noch nichts verkündet, daß „oben“, wie der Berliner mit Stolz die sandige Fläche hinter dem Kreuzberg bezeichnet, die Truppenschau zu Ende ist.

Endlich, horch, ganz fern hört man rauschende Marschklänge, die allmählich näherkommen, alles drängt etwas weiter vor, und die noch eben so festgeschlossene Menschenkette lockert sich hierdurch ein wenig. Das benutzt ein alter, an einer Krücke gehender Mann, der soeben noch, völlig verzagt, ganz hinten gestanden; er schiebt sich hindurch, wird hier und dort gestoßen, aber nur wenige Worte der Entschuldigung bringt er hervor. Dieser und jener sieht sich den Alten, der nach seiner Kleidung zu schließen vom Lande zu stammen scheint, näher an: „Na, Väterchen, Ihr wollt wol auch den Kaiser sehen? Denn kommt man ein bischen noch weiter hierher“, und schon ist der Alte, dem bereitwillig Platz gemacht wird, im ersten Glied. Er zittert am ganzen Leibe, wischt sich immer wieder mit dem rothgeblümten Taschentuch die schweißbedeckte Stirn und faßt sich stets von neuem mit der Rechten nach der Seitentasche seines langen Rockes; die Umstehenden achten nicht seines sonderbaren Benehmens, sie spähen alle nach der einen Richtung, wo jetzt die siegbedeckten Feldzeichen der preußischen Garden auftauchen, donnernd brausen die Jubelrufe heran, lawinenartig anschwellend: „Hoch, hurrah, hoch!“ und der Kaiser, der dicht hinter der Musik reitet, erwidert nach allen Seiten hin die stürmischen Grüße.
„Wo ist denn der Kaiser?“ fragt der Alte hastig und doch furchtsam dabei. „Der dort, der da auf dem Fuchs, mit dem gelben Band über die Brust, das andere sind seine Adjutanten, jetzt kommt er ja: Hoch, hoch, hurrah!“ Der Alte humpelt, so schnell es geht, auf den Fahrdamm, er hat seine Mütze abgenommen und hält mit der einen Hand eine Bittschrift hoch empor. Schon ist der Herrscher etwas voran, aber da wendet er den leuchtenden Blick zu dem Bittflehenden und streckt den Arma aus, um das Schriftstück entgegenzunehmen. Im selben Moment eilen schon Schutzleute herbei, um nach ihrer Instruction den Bittsteller zur Wache zu führen und dort seinen Namen festzustellen, worauf er wieder entlassen wird; alle Angst und Furcht sind mit einem mal von dem Alten geschwunden, stolzer als seit langem schreitet er einher: er durfte seinem Kaiser ja ins Auge sehen und ihm seine Bitte, seine gerechte Bitte übergeben, und er fühlt es tief im Herzen, daß er auf die Erfüllung derselben nicht lange mehr zu harren braucht!

(Text mit der ursprünglichen Schreibweise übernommen)

 
 

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