Richard Knötel „The Germans to the front“
 von Arne Schöfert

Der Boxeraufstand in China 1899/1901 ist streng genommen kein Thema der deutschen Kolonialgeschichte, aber die Wiederentdeckung eines vergessenen Bildes, soll diese Ausnahme rechtfertigen.
Die Geschichte des Krieges in China wird hier nicht thematisiert, dazu sind genug Informationen leicht zu finden. Hier soll es nur um eine kurze Episode gehen, die sich am 22. Juni 1900 kurz vor Tientsin abgespielt hat und die durch bildliche Wiedergabe Einzug in die Kunstgeschichte fand.
 
An diesem Tag befand sich die Expedition Seymour auf dem Rückzug zur Küste. Der Versuch mit einer international zusammengewürfelten Truppe die Eingeschlossenen in Peking zu befreien oder zumindest zu unterstützen, war wegen einer zerstörten Eisenbahnstrecke und ständigen Angriffen der Aufständischen gescheitert. Man befand sich damals im offenen Gelände und die Verteidigung war schwierig. Deshalb versuchte man in das Arsenal (eine Art Fort) Hsiku (auch Hisku geschrieben) der chinesischen Armee zu kommen, was ihnen jedoch von der Besatzung verwehrt wurde. Admiral Seymour beschloss das Fort zu stürmen, um eine geschützte Stellung zu finden. Bei der Aufteilung der Truppen zum Sturm auf das Fort befahl er die deutschen Seesoldaten an die Spitze: „The Germans to the front“.

Tatsächlich gelang der Angriff, die deutschen Soldaten stürmten die Stellungen, drehten mit nachrückenden Einheiten die chinesischen Geschütze um und feuerten auf die Fliehenden. Die arg gebeutelten Reste der Expedition fanden mit den Verwundeten Schutz im Arsenal.

Diese Vorgänge gibt Korvettenkapitän Schlieper in seinen Erinnerungen „Meine Kriegserlebnisse in China“ (Köhler-Verlag Minden, 1901) in wenigen Absätzen wieder. Zuhause im Reich, wird die Situation zur monumentalen Sensation überhöht. In dem Sinn, daß es wenn es mal richtig eng wird, der deutsche Soldat gefordert wird.
In Schliepers Buch stellt der Marinemaler Carl Schön Kapitän Schliepers Erinnerung so dar:

 
 

Die populärste Darstellung des Geschehens liefert der bekannte Historienmaler Carl Röchling. Das riesige Bild (180 x 370 cm) findet auf der Kunstausstellung 1903 zu Recht viel Bewunderung. Reproduktionen schmücken danach zahlreiche, patriotische Haushalte. Das Bild gilt als Ikone der patriotischen Malerei im Kaiserreich. Es hing bis 1945 im Berliner Schloss und gilt seitdem leider als verschollen.

 

 

Das Bild und seine Hintergründe sind das Thema des Artikels „Ein Bild erzählt Geschichte – The Germans to the front“ von Dr. Thomas Weißbrich im Clausewitz Jahrbuch 2023. Der interessante, gut geschriebene Artikel ist nicht nur sachlich völlig korrekt, sondern auch ansprechend illustriert. Bei einem Bild war dem Verfasser gar nicht bewusst, daß er da eine kleine Sensation zeigt: denn er bringt ein Bild des Themas vom Militärmaler Richard Knötel, das in der Fachwelt weitgehend unbekannt ist. Es wird weder in den üblichen Werkverzeichnissen noch in der Biografie von Curt Hoffmann erwähnt. Wenn man heute Gemini, die gerühmte Google-KI , nach dem Bild fragt, wird einem geantwortet, daß man sich irrt: das Bild sei von Röchling.
Herr Dr. Weißbrich war so freundlich seinen Druck für diesen Artikel zur Verfügung zu stellen. Vielen Dank dafür! Die genaue Quelle ist noch unbekannt, nur daß es das Kunstblatt Nr. 247 aus dem Verlag von Paul Kittel ist.

 

 

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