Weihnachtsfeier 1891 in der Regierungsschule in Kamerun


(von Arne Schöfert)

 

Theodor Christaller wurde am 02.01.1863 in Waiblingen als Sohn des Basler Missionars Johann Gottlieb Christaller geboren. Der Vater hatte sein ganzes Leben der Missionarstätigkeit und Sprachforschung untergeordnet. Während er in englischen Kolonialgebieten Texte in die Eingeborenensprache übersetzte, wuchsen seine Kinder in Heimen der Mission auf. Auch damals kein übliches und einfaches Familienleben. Trotzdem oder grad deswegen zog es den Sohn auch nach Afrika, allerdings nicht als Missionar, sondern als erster staatlicher Lehrer in einer deutschen Kolonie.
Auf Anregung von Adolph Woermann, dessen Bitte direkt an Reichskanzler Bismarck gerichtet war, wurde am 24.02.1887 die Schule in Duala eröffnet. Dies war die erste Regierungsschule in einer deutschen Kolonie. Woermann hatte um zwei Schulen gebeten, eine wurde ihm gegeben. Gegen ein monatliches Schulgeld von 3 Mark erlernten die Kinder Lesen und Schreiben. Da die Eltern das Schulgeld nicht immer aufbringen konnten (und wollten), wechselte die Zusammensetzung der Klassen laufend. Ein regelmäßiger Schulbesuch war so leider eine Ausnahme.
Im Laufe der Jahre entwickelte sich neben den vielen Missionsschulen das staatliche Schulsystem doch weiter. Nach einer Aufstellung von 1911 gab es in Kamerun inzwischen 4 Schulen (Duala, Victoria, Garua und Jaunde) mit insgesamt 19 Klassen und über 821 Schüler – Jungen und Mädchen!
Theodor Christaller starb am 13.08.1896 in Bonaku/Kamerun, nach 9 Jahren Tätigkeit in seiner Schule.
Sein Grab auf dem Friedhof in Duala schmückt ein auffälliger Grabstein mit Relief. Über sein Leben und seine besondere Stellung in der deutschen Kolonialgeschichte schrieb 1897 sein Schwager, N. Böckheler ein Buch, das dem engagierten Lehrer ein literarisches Denkmal setzte.

 

Rechts:
Grabstein im Jahr 2001

 

Und nach dieser langen Einleitung nun zum eigentlichen Bild: Der Stich aus der Weihnachtsausgabe der Illustrirten Welt vom Dezember 1891 (Nr.40/Jahrgang 1892, Seiten 260/261) zeigt Christaller mit seinen Schülern bei der Weihnachtsfeier. Hier in einer handcolorierten Ausführung.

 

 
Da es thematisch passt, hier noch ein Stich aus der „Gartenlaube“ 1896 von Fritz Bergen „Weihnachts-schulfeier in Deutsch-Afrika“ mit Text von C. Falkenhorst.
 

 

 
Weihnachtsschulfeier in Deutsch-Afrika
Von C. Falkenhorst.
Die Gartenlaube (1896)
 

Schon im Herbst, da im deutschen Vaterlande die Weihnachtsfreude noch lange nicht vor der Thür steht, werden in unseren Seehäfen schlanke Tannen in ihrem immergrünen Schmuck auf Schiffe verladen. Ueber weite Meere wandern sie nach den heißen Ländern des Südens, ein sinniger, herzerfreuender Weihnachtsgruß für die Deutschen, die unter fremdem Himmel wohnen, aber in der Brust deutsche Sitte wahren und hegen. Fürwahr, wie herrlich muß die Freude sein, in fremden Weltteilen am Christabend einen deutschen Tannenbaum im Lichterglanze erstrahlen zu sehen und den würzigen Duft heimatlicher Tannenwälder wieder einzuatmen! Nach allen Richtungen, nach allen Ländern gehen diese Weihnachtsbäume, vor allem aber nach unseren jungen afrikanischen Kolonien, in welchen bei aller Pracht und Fülle des Pflanzenwachstums die herrlichen Tannen nicht gedeihen.

Dem war früher nicht so gewesen. Die ersten Erforscher des Dunklen Weltteils verbrachten die Weihnachtstage in der Wildnis, oft unter Entbehrungen und Gefahren, ohne äußeren Glanz, und die ersten Ansiedler schmückten fremdartige Bäumchen mit Licht und buntem Flitter, wenn die Heilige Nacht kam. Solche Weihnachtsfeste in der Fremde sind schon oft geschildert worden, heute bringt die „Gartenlaube“ ihren Lesern ein anderes Bild, ein Weihnachten unter einem deutschen Tannenbaum in einer deutschen Kolonie!

In Westafrika, im Togoland an der Sklavenküste, hat jene Weihnachtsfeier im vorigen Winter unter Beteiligung von jung und alt, von Schwarz und Weiß stattgefunden. Auch dort erklang das deutsche Lied, auch dort waltete wärmend das deutsche Gemüt, aber trotz alledem gab es dort ein anderes Weihnachten als in der nordischen Heimat!

Weihnachten ist bei uns ein Winterfest. Der kürzeste Tag, Frost und Schnee gehören zu der echten und rechten Weihnachtsstimmung; inmitten der toten Natur mutet uns das Immergrün der Tanne besonders mächtig an: es predigt die Hoffnung auf die Wiederkehr des Frühlings, raunt uns zu die frohe Verheißung von einem Wiederauferstehen. Solche Eindrücke bietet uns um die Weihnachtszeit die Natur in den Tropenländern nicht.
Togoland liegt nur wenige Breitegrade vom Aequator entfernt, und die Tage werden in ihm auch zur Zeit der winterlichen Sonnenwende nicht merklich kürzer, Nacht und Tag bleiben sich gleich lang. Fortwährend sendet dort die Sonne glühende Strahlen nieder, und wo Regen fallen, wo Flüsse und Bäche den Boden mit Feuchtigkeit tränken, dort giebt es keinen Stillstand im Leben der Pflanzen, dort grünt und blüht und reift es ohne Unterlaß, dort herrschen ewig Frühling und Sommer in treuem Bunde. Nur in Landstrichen, wo zeitweilig Regen ausbleiben, verdörrt die Hitze Gras und Baum auf dürrem Grunde; öde sieht dann die Steppe aus und dann hat auch Afrika seinen, freilich heißen Winter.
Aehnlich ist im Togoland der Winter beschaffen. Dort kommen in den Monaten Dezember und Januar nördliche Winde zur Geltung. Sie entstehen über den wasserleeren sonnendurchglühten Sand- und Felsenflächen der Sahara und sind wegen ihrer austrocknenden Wirkung gefürchtet.
 
Harmattan heißt dieser Wüstenwind, und wenn er sich erhebt und tage- oder gar wochenlang anhält, dann wandelt er in kurzem das Bild der Landschaft um. Während des Harmattans ist die Luft mit feinstem Staube erfüllt; unter seinem Hauche verdorrt das Pflanzenleben, die Blätter an den Bäumen werden gelb und fallen ab, das Gras wird dürr, jedes Grün mit Ausnahme der Bananen verschwindet; nur an Flüssen und Seen kann die Pflanzenwelt dem übermächtigen Gegner trotzen. In den menschlichen Wohnungen richtet der Wind ebenfalls Schaden an: Bretter biegen sich, Thüren und Fenster erhalten Risse und Spalten und alles überzieht sich mit einer dichten Staubdecke. Mensch und Tier aber verfallen in einen Zustand des Unbehagens und der Ermattung. Glücklicherweise stellt sich dieser Winterwind des Togolandes nicht immer ein und seine Herrschaft währt nicht lange. Bald türmt sich im Süden oder Westen ein schwarzes Gewölk auf, es breitet sich über den Himmel aus und unter Sturm, Blitz und Donner bricht der Tornado ein; mit Regenströmen überflutet er die Erde, und wenn dann die Sonne wieder vom blauen Himmel niederlacht, so erholt sich alles in kürzester Zeit, im Handumdrehen grünt und blüht wieder die Landschaft und in solcher Frühlingspracht und bei Sonnenglut feiert man alsdann Weihnachten im Togolande.

Nur eine kleine Gemeinde ist es aber, die an jenem Tage dem großen Erlöser von Nazareth huldigt und den Tag seiner Geburt zu einem Fest der reinen Liebe gestaltet. Was weiß die große Masse des schwarzen Volkes dort vom Christengott und seinen Geboten der Nächstenliebe! Wie vor Jahrtausenden steckt sie noch heute im niedrigsten, schlimmsten Heidentum, betet elende Fetische an und opfert in zitternder Angst den grausamen Ausgeburten des eigenen Aberglaubens. Ihre Gottheiten sind böse rachsüchtige Geister.

Die Küstenbevölkerung dieses Landstriches ist schon vor Jahrhunderten mit Christen in Berührung gekommen, welcher Art aber diese Berührung war, davon zeugt der auf Landkarten verzeichnete Name des Landes – Sklavenküste! Hier, wie in Guinea an der Westküste Afrikas überhaupt, blühte ja einst die scheußliche Jagd an den schwarzen Menschen; von hier aus wurde die Meuschenware von christlichen Händlern nach der Neuen Welt verfrachtet, um den Boden Amerikas fruchtbar zu machen und die Blüte seiner Pflanzungen herbeizuführen. Lange, bis in die neue Zeit hinein, währte dieser schimpfliche Sklavenhandel. Noch leben in einigen Küstenorten alte Männer, die durch Sklavenlieferungen zu Wohlstand gelangten. Nur langsam begann sich eine Wendung zum Besseren zu vollziehen, als Missionare in das Land kamen und der Handel mit Palmöl auch an diesen Gestaden aufzublühen begann. Eine neue Aera brach jedoch für dieses Gebiet an, als vor zwölf Jahren im Togolande die deutsche Flagge gehißt wurde. Unter der deutschen Schutzherrschaft blühten hier die ersten größeren Pflanzungen auf und beim Anbau von Kaffee, Kakao, Baumwolle und Tabak wird der Neger der Segnungen einer regelmäßigen Arbeit, die er früher nicht kannte, teilhaftig. Die Thätigkeit der Missionare wurde anderseits durch die Gründung einer deutschen Schule ergänzt, aus der mit der Zeit hoffentlich ein Stamm braver schwarzer Bürger hervorgehen wird. Der Neger, der bis dahin mit den Weißen nur geschäftlich verkehrt hatte, lernt jetzt dieselben von einer andern Seite kennen. Er sieht sie im gemeinnützigen Interesse wirken, er lernt sie achten und wird sie mit den Jahren lieben lernen. In der That ist in dieser Hinsicht bereits ein großer Fortschritt erzielt worden; einen Beweis dafür bildet gerade die schöne, oben bereits erwähnte Weihnachtsfeier in der Kolonie. Ein so erfreuliches Fest wäre noch vor wenigen Jahren im Togolande geradezu unmöglich gewesen!

Still und friedlich liegt die Negerstadt Klein-Popo am Meeresstrande; der Seewind zieht leise durch die Palmen, die ihre riesigen Kronen über den niedrigen strohbedeckten Lehmhütten wiegen; die Sonne geht unter und der erste Weihnachtsstern erstrahlt am dunklen Himmelszelt. Und siehe da, auch auf der Erde leuchten Lichter auf; auf dem Wege, der zu dem weißgetünchten Schulgebäude führt, werden bunte Lampions angezündet. Das gewölbte Eingangsthor ist reich mit Palmenzweigen geschmückt, zwischen denen gleichfalls bunte Lichter schimmern. Die Schule hält ihr Weihnachtsfest. Schon längst sind die Schüler, etwa fünfzig an der Zahl, im Schulhofe versammelt und stehen in Gruppen beisammen – hier die älteren Jungen, die zum Teil schon das Jünglingsalter erreicht haben, dort die jüngeren bis zum sechsjährigen ABC-Schützen. Alle tragen rote Mützen, die sie im Jahr vorher zu Weihnachten bekommen haben; im Übrigen hat sich jeder so gut wie möglich herauszuputzen versucht. Diese haben ihr schönstes Hüftentuch umgeschlungen, jene tragen ein buntes Nachthemd, andere wieder einen mehr oder weniger vollständigen Anzug von europäischem Schnitt.

Durch das geschmückte Thor treten indessen die geladenen Gäste ein. Der Landes-hauptmann, der Stabsarzt und die Schwester vom Krankenhause, Beamte und deutsche Kaufleute; neugierig nahen auch die schwarzen Väter der Schüler, Häuptlinge und Dorf-älteste von Klein-Popo; alle werden von dem Lehrer Köbele und seiner jungen Gattin willkommen geheißen und in das große Schulzimmer geleitet, in dem die Feier stattfinden soll. Dort sind die weißgetünchten Wände mit reichem Palmenschmuck geziert, zwischen dem die Bildnisse des Kaisers und der Kaiserin hervorblicken. Auf der Tafel prangt in gotischer Schrift der Weihnachtsspruch „Ehre sei Gott in der Höhe“. Für die Festgäste sind Stühle aufgestellt, ein Tisch ist mit Christgaben für die Schüler bedeckt; aller Augen sind aber auf den Weihnachtsbaum gerichtet – eine echte deutsche Tanne, die in hellem Lichterglanz und buntem Schmuck erstrahlt. Die Schüler stellen sich inzwischen im Halbkreis um den Christbaum, ihre dunklen Augen sind auf den Lehrer gerichtet, der am Klavier steht, und mit dem dreistimmigen Choral „Kommt, kommt, den Herrn zu preisen“ wird die Feier eröffnet. Wie eigenartig werden die Zuhörer durch diese hellen Klänge in der Sprache der Heimat ergriffen! Fast wie ein Märchen kommt es ihnen vor, daß Negerbuben so geläufig ein deutsches Lied vortragen. Die Ueberraschung war aber noch größer, als die Deklamationen an die Reihe kamen. Da tritt der kleine Jakob vor. Er sieht schüchtern und schmächtig aus; wie er aber anfängt, so sicher und in klarer Aussprache die Weihnachtsgeschichte vorzutragen, richtet sich jedes Auge mit Wohlgefallen nach dem klugen Gesicht mit den ernsthaften Augen. Weniger Glück hat sein Nachfolger Ador; er, der keckste unter den Schülern, verliert heute in der feierlichen Stimmung die Geistesgegenwart. Mit unsicherer Stimme beginnt er das Gedicht von Gerok „Jesus in der Krippe“ und verwechselt mehrere Gliedmaßen des Kindes, die darin besungen werden. Vielleicht beengt ihn die neue helle Hose, die der Uebermut zur Feier des Tages anhat, denn er zieht sie krampfhaft höher und höher, als fürchte er, sie bei seinen Anstrengungen zu verlieren. Endlich ist der letzte Satz herausgewunden und Ador tritt beschämt zurück. Die Ehre der Schule rettet nun der Primus, der das Melodrama „Das Glöcklein von Jnnisfär“ vorträgt. Ein deutscher Beamter hat die Klavierbegleitung übernommen und die sichere ausdrucksvolle Art, wie der schwarze Junge das lange Gedicht dazu hersagt, erregt allgemeinen Beifall; auch die anderen Schüler, welche die kleinen Chöre dazwischen singen und mit der Schulglocke das Glockengeläute markieren, machen ihre Sache gut. Zum Schlusse singen die schwarzen Schüler und die anwesenden Europäer einstimmig den erhebenden Choral „Allein Gott in der Höh’ sei Ehr’!“ Noch eine Rede des Landeshauptmanns, der dem Lehrer Anerkennung zollt, und nun erfolgt die Verteilung der Gaben an die jungen Burschen. Filetjacken bildeten das Hauptgeschenk, aber es fehlte auch nicht an knusprigen Weihnachtsgaben; ein Schiffskapitän sandte ein Faß Schiffszwieback für die „Jungens“ und ein Kaufmann stiftete Pfeffernüsse.

Fürwahr, ein solcher Weihnachtsabend in Deutsch-Afrika läßt das deutsche Herz höher schlagen, aber wie groß muß sein Eindruck auf die schwarzen Gäste gewesen sein! Ernst schritten die wackeren Dorfältesten nach Hause und in dem Negerdorfe erzählte der Kindermund von dem Jesuskinde, zu dem die Weißen beten; erzählten von der Liebe, die es lehrte, von dem Frieden, den es der Welt verhieß. Da wankte wohl in mancher Brust zum erstenmal der düstere Glaube an die böse Dämonenwelt und den Fetischkultus und der Glanz des Christbaumes drang aufklärend in die finsteren Tiefen des traurigsten Aberglaubens.

So wirkt heutzutage der „deutsche Schulmeister“ im Dunklen Weltteil, ein Vorkämpfer der Kultur im vollsten Sinne des Wortes. So wirkt und ringt er unter tausend Beschwerden; denn ungefügig sind noch die Schüler, die er aus der angeborenen Wildheit höherer Gesittung zuführen will, und unwirtlich, mit Fieberdünsten geschwängert ist das Land, in dem er lebt. Hat doch Lehrer Köbele, dem wir die Vorlagen zu dem Bilde, das unsere Nummer schmückt, und die näheren Angaben für diese Schilderung verdanken, ein weiteres Weihnachtsfest nicht mehr erleben können. In der Blüte des Mannesalters hat ihn bereits am 11. Mai dieses Jahres ein bösartiges Fieber dahingerafft. Ehre seinem Andenken und Ehre den anderen deutschen Lehrern, die gleich ihm im Dunklen Weltteil aufopferungsvoll wirken, mit Waffen des Geistes und des Herzens die jungen Kolonien erst wahrhaft für das Vaterland erobern helfen!

 

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